Shrovetide Football

Andrew Eyley | Derbyshire Life

Shrovetide Football

Shrovetide Football - das unendliche Spektakel

In Ashbourne findet jährlich ein Fußballspiel der skurillen Art statt.

Eigentlich ist Ashbourne in Derbyshire ein beschaulicher Flecken im Lande ihrer Majestät am Rand des Nationalparks der Peak District. Die Straßen der mittelenglischen Stadt sind mit Kopfsteinpflastern belegt. Auf dem zentralen Marktplatz bieten die Bauern aus der Umgebung hinter ihren hölzernen Ständen Obst, Gemüse und ein paar Dinge des täglichen Gebrauchs an.

Um die zweihundert Häuser Ashbournes sind als Relikte aus mittelalterlicher Zeit anerkannt und entsprechend geschützt. Die historischen Armenhäuser ebenso wie die schmucken Kneipen, und auch die von Schnörkeln umspielte Fassade des Old Grade Gymnasiums und die herausgeputzte St. Oswald's Parish Church mit ihrem 212 Fuß hohen Turm, von dem es heißt, er sei der schönste im Königreich.

Es lässt sich gut leben in Ashbourne, doch einmal im Jahr nageln hier die Kaufleute ihre Schaufenster mit stabilen Brettern zu, denn dann hält der Shrovetide Football das große Dorf in Atem und die Bewohner auf Trab.

Ein acht Jahrhunderte altes Derby

Die meiste Zeit des Jahres geht es beschaulich zu in Ashbourne.

Die Sportwissenschaftler streiten sich darum, ob diese raue Variante vom Fußball die Keimzelle der nicht nur in England geliebten Leibesertüchtigung ist. In Ashbourne hegt aber niemand an dieser These Zweifel, denn Shrovetide Football gibt es hier seit sage und schreibe acht Jahrhunderten.

Und noch etwas ist überliefert: Dieses Duell zweier Ortsrivalen gilt als ältestes Derby überhaupt. Und weil dies so ist, hat die benachbarte Metropole den Namen "Derby" erhalten. Alljährlich findet das wilde Spektakel in den Gassen Ashbournes entweder am Faschingsdienstag oder am Aschermittwoch statt.

Wer aber als den Regeln nicht geläufiger Mitteleuropäer glaubt, das Derby wäre nach neunzig Minuten beendet, der irrt kolossal. Vielmehr wird hin und wieder sogar an zwei Tagen jeweils acht Stunden zwischen 14 und 22 Uhr gekämpft. Und dies mit fast allen Mitteln.

Diesseits oder jenseits des River

Für den Sieg beim Shrovetide Football in Ashbourne werden viele Widrigkeiten in Kauf genommen.

Denn beim Shrovetide Football ist erlaubt, was gefällt. Von ein paar wenigen Einschränkungen abgesehen. Das Spielfeld kennt innerhalb der Mauern von Ashbourne einige markierte Grenzen, und die Rivalen rekrutieren sich allein durch Geburt und Wohnsitz. Dabei ist ausschlaggebend ob sie diesseits oder jenseits des träge dahin fließenden Henmore River leben, der die Stadt teilt.

Es kämpfen die Downards gegen die Uppards - und zwar mit einem Fußball, der stets von einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens von einem steinernen Podest, dem "Plinth", in die Menge geworden wird. Das Objekt der allgemeinen Begierde ist keineswegs mit Luft sondern mit Kork und Sägespänen gefüllt.

Er ist größer als ein normaler Fußball und dem einwerfenden Würdenträger bleibt es überlassen, wie das gute und vier Kilogramm schwere Stück ausschaut. Manchmal ziert die Fahne oder gar die Krone den Fußball - schließlich ist man in England zu Hause.

Im Gerangel geht manches zu Bruch

Fast alles ist erlaubt beim Shrovetide Football Derby in Ashbourne.

Den unbedarften Augenzeugen bleibt bleibt meist die Erkenntnis verborgen, nach welchen Regeln sich das temperamentvolle Spiel entwickelt. Es wird geschubst und geschoben. Es wird gebrüllt und geflucht, und es geht über Müll-Container und über parkende Autos. Hecken, Gartenzäune und Laternen verändern zuweilen ihr ursprüngliches Aussehen, denn im Gerangel der Rivalen geht schon mal das eine oder andere zu Bruch. Rugby ist dagegen eher ein Spiel für sanft Besaitete. Und aller Ziel sind zwei Tore, die eher wie unförmige Pyramiden aus Mühlsteinen ausschauen und sich unmittelbar am Ufer des Flusses befinden.

Dabei handelt es sich um die "Clifton Mill" und um die "Sturston Mill". Seit dem Jahr 1996, als England im Wembleystadion beim "richtigen" Fußball und der Europameisterschaft im Halbfinale gegen Deutschland ausschied, wurden die Regeln in Ashbourne verändert. Seither kann nur der ein "Tor" erzielen, der schlammverkrustet den Ball aus dem Fluss zwischen die Pfosten befördert.

Nur das Betreten von Friedhöfen ist tabu

Friedhöfe und Denkmäler sind vom Spielfeld des Shrovetide Football Mathes streng ausgenommen.

Wenn sich das kämpfende Knäuel durch die Gassen und Plätze windet und bemüht ist, den uralten Regeln entsprechend den Fußball mit einer Markierungsscheibe in Berührung zu bringen, sind alle in der schönen Stadt auf den Beinen, die sich gemüßigt fühlen, ein Teil der jeweiligen Mannschaft zu sein. Dabei spielt das Geschlecht keine Rolle.

Wo sich die rivalisierenden Spieler am Tag dieses historischen Derbys bewegen, ist ebenfalls nebensächlich. Hauptsache, die Angelegenheit entwickelt sich innerhalb von Ashbourne und die Teilnehmer nehmen Abstand von jeglicher Gewaltausübung. Tabu ist allein das Betreten von Friedhöfen und das Besteigen von Kriegsdenkmälern - das Duell der Ortsrivalen soll ein Spielvergnügen sein.

Ob das alle Teilnehmer so empfinden, wenn sie sich unter einem Knäuel von bis zu hundert schwitzenden Teilnehmern wiederfinden, bleibt für Außenstehende ein Rätsel.

Am Tag danach gute Nachbarn und Freunde

Die zahlreichen Zaungäste des in England einzigartigen Duells sehen fast ausschließlich die ineinander verschlungenen und kämpfenden Leiber - ganz selten sehen sie den Fußball.

Zahlreiche Zuschauer verfolgen die Geschehnisse in Ashbourne beim Shrovetide Football Derby.

Denn der verschwindet nach dem "Turner-up" so gut wie immer in der Menge. Es wird geschoben und gedrängelt, und wer ohne Kenntnis des Spektakels den Ort an diesem Tag als Tourist besucht, der wird von der bösen Ahnung beschlichen, dass hier so eine Art Bürgerkrieg seinen Lauf genommen habe. Denn jeder, auch noch so kleinste Raumgewinn, wird von den jeweiligen Fans und Mitstreitern frenetisch gefeiert.

Mit roten Köpfen und wirren Haaren stehen sich die Kontrahenten in diesem archaisch anmutenden Spiel gegenüber. Wohl wissend, dass sie am Tag nach dem Shrovetide Football wieder gute Nachbarn, freundliche Arbeitskollegen und wahre Freunde sein werden.

Wenn allein die Rippen schmerzen...

Doch so ganz ohne Schrammen und Blessuren gehen der Faschingsdienstag oder der Aschermittwoch selten vorüber. Wenn allein die Rippen schmerzen und nicht gebrochen sind, wird darüber kaum gesprochen. Es sollen sogar Siebzigjährige beim Spektakel aktiv geworden zu sein, denn wer in dieser Stadt etwas auf sich hält, der ist beim größten Tag des Jahres kein Zaungast sondern als Teil der Menge dabei. Und dies nicht nur einmal im Leben, und wer es wagt, daran zu zweifeln, dass es den Teilnehmern bei ihrem Tun sehr ernst ist, der erntet ein unwilliges Kopfschütteln.

Die Sieger werden gefeiert wie antike Helden und die jeweiligen Torschützen thronen auf den Schultern ihrer zumeist erschöpften Kameraden.

Im Jahr 2003 kam sogar Prinz Charles

Der Massen-Fußball zwischen den beiden Ortsteilen hat für den Ort in England die Bedeutung der Wahrung einer Tradition und nicht zuletzt der einer intakten Gemeinschaft. Trotz aller Rivalität an diesem besonderen Tag. Ob die Wurzeln im frühen Mittelalter einst kultischer Natur waren, ist nicht überliefert. Immerhin erreicht der Shrovetide Football eine überregionale Ausstrahlung und zieht Jahr für Jahr viele Reporter in die Stadt.

Selbst gekrönte Häupter lassen sich dann blicken - im Jahr 2003 hatte Prinz Charles die Ehre, den handbemalten Ball einwerfen zu dürfen und damit das Spiel zu eröffnen. Und 1966 war eine englische Fußball-Legende dabei - der geadelte Profi und Dribbel-Künstler Sir Stanley Matthews.



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